Bindungsstörungen verstehen und behandeln

Der Einfluss langanhaltender Bindungs- und Entwicklungstraumatisierung in den ersten Lebensjahren - nichts anderes bildet wohl den Hintergrund der sogenannten Bindungsstörungen - kann zu allen denkbaren psychiatrischen Diagnosen führen. Dazu gehören beispielsweise Komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressive Entwicklungen und Persönlichkeitsstörungen. Am gefährlichsten für sich selbst und andere sind jedoch Menschen, die sich einen Schafspelz lebensbewältigender Anpassung zugelegt haben, während in ihrer psychischen Repräsentation der hungrige, einsame, im Zweifelsfall gewaltbereite Wolf das Sagen hat.

Wer in seiner Frühkindheit Sicherheit erfahren hat, geliebt und gefördert wurde, verfügt über ganz andere Ressourcen zur Daseinsbewältigung als ein Mensch, dem diese Zuwendung fehlte. Groteske Wahrnehmungsverzerrungen bis hin zu Verschwörungsmythen, krasses Entweder-oder-Denken und dementsprechende gewaltsame Konfliktlösungen können die Folgemuster der neuro-psycho-physiologischen Dysbalancen sein. Hier berühren sich Psychiatrie, Psychotherapie und politische Psychologie bis hin zu der Frage, wie Gesellschaften durch langanhaltende Traumatisierung Einzelner, größerer Gruppen oder auch ganzer Nationen über Generationen geformt werden.

Die Themen »Bindungsentwicklung« und »Prävention« von Bindungsstörungen gewinnen vor diesem Hintergrund eine globale, existenzielle Aktualität. Dabei geht es nicht nur um die aktuellen Kriege, sondern generell um die Verfasstheit des Menschengeschlechts, das es bei allem Fortschritt in technischer, aber auch sozioökonomischer Hinsicht bislang nicht geschafft hat, seinen Kindern ein Aufwachsen in emotionaler Sicherheit zu gewährleisten und ihnen damit eine Chance auf die Festigung einer balancierten und mit anderen verbundenen Persönlichkeit zu geben. Dies aber halten die Bindungsforschenden für die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Menschen frei wahrnehmen, fühlen, denken und - letztlich empathisch-mitfühlend - im Sinne des eigenen und des Gemeinwohls entscheiden können. Bindungsstörungen sind damit auch ein politisches Thema.

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Die Bedeutung von gestörten Bindungen, von Bindungsstörungen, für das Gesundheitssystem und allgemein für die Verfassung der Gesellschaft wird meiner Erfahrung nach erheblich unterschätzt. Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass hochgradig belastende und traumatisierende Kindheitserfahrungen zu sehr unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen führen können, die dann als solche in der Statistik auftauchen bzw. zu symptom- bzw. störungsspezifischer Behandlung führen, während der Ursprung des Dramas dekontextualisiert wird.

► Alexander Trost: Bindungsstörungen verstehen und behandeln

Alexander Trost   |   Tags: kinderschutz, politik