Parentifizierung im Erwachsenenalter
Nicht wenige erwachsene Patient:innen fühlen sich für andere verantwortlich und laden sich selbst viel auf, was zu psychischen und somatischen Problemen führen kann. Oft haben sie als Kinder Verantwortung und altersunangemessene Rollen übernommen. Mögliche Langzeitfolgen sind u. a. chronische Überforderung, schwaches Selbstwertgefühl, Identitätsprobleme, Depressionen und problematische Beziehungen. Das Buch gibt einen Überblick über das Phänomen Parentifizierung, seine unterschiedlichen Formen, Auswirkungen und Kontexte. Es fasst den Forschungsstand zusammen, beschreibt die Entwicklungsgeschichte und die besonderen Ressourcen dieser Patient:innen und hilft, sie zu erkennen, besser zu verstehen und dabei zu unterstützen, problematische Muster der Selbst- und der Beziehungsregulation wahrzunehmen und zu verändern.
[…]
Wenn eine Beziehung »ernst« wird, können auch im Erwachsenenalter plötzlich alte Bindungsmuster »hochschießen« – also z.B. beim Übergang vom lockeren Daten zum Sich-Verlieben, beim Zusammenziehen oder Heiraten. Besonders ernst wird es auch im Kontext von Elternschaft:
»Früh erlernte Beziehungsmuster tauchen besonders unter emotionalem Stress wieder auf. Bis dahin unterliegen sie einem Schläfereffekt. Wenn sich ein bestimmter Stress einstellt, z.B. nach Geburt eines Kindes, können diese emotionalen Muster wieder in Form von persönlichen und familiären Krisen auftauchen, obwohl sie seit Jahrzehnten schlummerten, und stellen die Betroffenen wahrscheinlich vor große Rätsel.« (Hantel-Quitmann, 2015, S.162)
Diese Muster sind insofern in erotischen Liebesbeziehungen, Eltern-Kind-Beziehungen und auch in Therapiebeziehungen besonders bedeutsam. Und manche sensiblen und reflektierten Menschen machen sich so viele Gedanken über ihre inneren Muster, dass sie das hemmt, intime Beziehungen einzugehen oder Kinder zu be kommen, weil sie fürchten, ein altbekanntes Unglück in einer neuen Beziehung zu reproduzieren oder gar ihren Kindern (unabsichtlich) etwas Ähnliches aufzubürden wie das, was ihre Eltern ihnen selbst (unabsichtlich) aufgebürdet zu haben scheinen.
[…]
Bindungsstörungen können zu Defiziten in der Mentalisierung führen. Zudem führt bei allen Menschen Hochstress fast unweigerlich dazu, dass Betroffene ihre Mentalisierungsfähigkeit (vorübergehend) verlieren, der präfrontale Kortex wird dann nahezu »ausgeschaltet« (Asen & Fonagy, 2014). Sofern Väter bzw. Mütter unter gravierenden psychischen Störungen leiden, die ihre Mentalisierung limitieren, kann das dazu führen, dass das Kind »zu einem ungewöhnlich guten Mentalisierer wird« und »problematische Situationen für den Elternteil antizipiert und ihn gut hindurchlenkt« (Asen & Fonagy, 2014, S. 238) – also zu Parentifizierung und oft auch zu Hypermentalisierung oder aber dazu, dass das Kind »dicht macht« und gar nicht mehr über innere Zustände des Elternteils nachdenkt.
In beiden Varianten aber wird dem »Bedürfnis eines abhängigen Kindes, als denkend und fühlend wahrgenommen zu werden, nicht angemessen Rechnung getragen, da das Kind die begrenzten Fähigkeiten des Elternteils, das Kind zu mentalisieren, ausgleichen muß« (Asen & Fonagy, 2014, S. 239).
Betroffene Kinder denken übertrieben intensiv über andere nach – kennen aber oft nicht ihre eigenen Gefühle oder verleugnen diese (z.B. Wut). Verstörend wirken sich auch extrem ängstliche Eltern aus, die (oft unabsichtlich) ihre Kinder mit ihren Ängsten »beladen«. Das Kind kann das nicht verstehen und sucht nach Erklärungen für das elterliche Verhalten (s. auch Kap. 3.2.4, 3.4).
In verstrickten Familien, bei denen es zwischen den Generationen wenig Grenzen gibt, kann es auch Formen aggressiven Mentalisierens geben, auch Pseudo-Mentalisierung genannt: »Unterschiedliche Denkweisen werden nicht respektiert und die Familienmitglieder glauben ganz fest, dass sie genau wissen, was die anderen denken und fühlen« (Asen & Fonagy, 2014, S. 241).
[…]
Verinnerlichte Parentifizierungsmuster werden zum Teil auch in den Beziehungen Erwachsener (unbewusst) wiederholt. Nicht selten leben dann sehr fürsorgliche, überaus kompetent wirkende Frauen oder Männer mit scheinbar »unterfunktionalen« Partner:innen zusammen. Manchmal können sich beide Seiten mit solch einem Arrangement wohlfühlen, aber oft führt es auf die Dauer zu Konflikten, da sich der hochfürsorgliche Partner irgendwann erschöpft, enttäuscht und ausgenutzt fühlt und/oder sich der andere Partner als »kleingemacht«, »gegängelt« oder zu abhängig empfindet.
Ähnliche, aber noch extremere Konstellationen finden sich bei verinnerlichten Täter-Opfer-Mustern der fürsorgenden und gleichzeitig demütigenden ehemals traumatisch parentifizierten Person, die unendlich viel Rücksicht auf ihren (als sehr bedürftig erlebten) Partner bzw. ihre Partnerin nimmt, ganz viel für ihn/sie tut und dadurch sehr erschöpft ist (so wie es einst und vielleicht bis in die Gegenwart gegenüber einem oder beiden Elternteilen war oder ist); gleichzeitig signalisiert sie aber auch in explizit herablassenden oder verächtlichen Sätzen oder entsprechenden nonverbalen Signalen (z.B. genervtes Augenrollen, als spöttisch interpretierbares Prusten), dass sie den anderen (den sie auch liebt) wegen seiner von ihr so erlebten Schwäche zu verachten scheint. Wenn das in der Therapie besprochen werden kann – was oft erst in einer späteren Phase möglich ist, nachdem genügend Vertrauen aufgebaut wurde –, ist das oft ein Wendepunkt und die fürsorglich-entwertende Person beginnt zu verstehen, wie sehr das verletzen kann. Noch wirkungsvoller ist es, wenn in diese Gespräche der/die Partner:in eingebunden werden kann – sei es in der Therapie oder bei Gesprächen zu Hause.
Auch zu beobachten sind traumatisch parentifizierte Patient:innen, die nach wie vor ihren Eltern extrem fürsorglich und geradezu »dienstbeflissen« zur Verfügung zu stehen scheinen (da sie glauben, eine Abgrenzung von den Eltern sei diesen nicht zuzumuten); gleichzeitig aber erhalten sie ein großes Maß an Zuwendung von ihren Partner:innen und erwarten dies auch ganz selbstverständlich, ohne dass sie wahrnähmen, dass die »Schuld- und Verdienstkonten« (Kap. 3.3.2) womöglich in der Wahrnehmung des Partners schon lange sehr unausgeglichen sind. Es wirkt oftmals so, als ob die Unausgeglichenheit in der Eltern-Kind-Beziehung durch den Partner (unbewusst) kompensiert werden sollte, was natürlich auch Probleme auf der Paarebene schafft, die am besten in gemeinsamen therapeutischen Gesprächen mit beiden Partner:innen angegangen werden.