Täterinnen

Mich interessieren die Gründe, warum es vielen Frauen so schwer fällt, die vorliegenden Erkenntnisse über sexuellen Mißbrauch durch Frauen wirklich zu akzeptieren. Unter „akzeptieren" verstehe ich, diese Erkenntnisse in unser Denken, Fühlen und unsere politische Strategieentwicklung hineinzunehmen. Es ist, wie gesagt, keine pauschale Abwehr, aber eine Abwehr im Detail, eine „la, aber"-Haltung, der ich häufig begegne. Ich erinnere mich gut, daß erste angloamerikanische Forschungsergebnisse auch in mir immer wieder dieses „la, aber …" auslösten. Bei allem Interesse an den neuen Erkenntnissen schien mir doch immer etwas Wichtiges zu fehlen. Ich merkte, daß ich Probleme hatte mit der Art und Weise, in der diese Erkenntnisse meist vorgetragen wurden. Immer schien mir der Blick auf die Täterinnen verkürzt. Es fiel mir schwer, beim Lesen der Fallstudien und empirischen Erhebungen zu akzeptieren, daß hier eine Perspektive bestimmend war: der Blick auf die Taten der Frauen und die Folgen für diejenigen, die sie zum Opfer gemacht hatten. Ihre Lebensbedingungen und Lebenserfahrungen waren nicht Thema. Fiel mir ein Aufsatz in die Hände, der eine Erklärung versuchte, warum Frauen diese Gewalt anwenden, war mir ebenfalls unwohl. Da schien mir allzu schnell weggeredet zu werden, was Täterinnen tun, da wurden sie zum Opfer: Sie waren selbst als Mädchen sexuell mißbraucht worden, sie hatten als Frauen ein hohes Maß an Männergewalt hinnehmen müssen, sie mißbrauchten ihre Töchter und Söhne als Verlängerung von sich selbst, in einem Versuch, sich selbst für die erlittene Gewalt zu strafen. (Mary-Claire Mason 1990) In diesen Erklärungsversuchen waren die Opfer nicht mehr mit eigenen Verletzungen und Rechten vertreten, sondern nur noch exemplarisch. In den Texten, die Michele Elliott in diesem Band veröffentlichte, traf ich auf eine Verbindung dieser beiden Perspektiven, die es mir ermöglichte, zu lesen und nachzudenken, ohne ständig gegen „Ja, aber"-Impulse in mir ankämpfen zu müssen. (Auch auf Claudia Heynes Veröffentlichung 1993 konnte ich nur mit einem „Ja, aber…" reagieren, denn hier wurden die vorgestellten Forschungsergebnisse immer wieder mit dem unterschwelligen, verallgemeinerten Vorwurf versehen, Feministinnen hätten Gewalt von Frauen verschwiegen bzw. würden sie teilweise sogar gutheißen, obwohl die von ihr zitierte Literatur überwiegend von feministischen Autorinnen stammt.) Der Blick, der hier auf Frauen in der Position der Täterinnen gerichtet wurde, erschien mir stimmig.

Ich kann die Irritationen nachvollziehen, die viele Frauen spüren. Den Blick auf die Täter sexualisierter Gewalt haben wir Frauen bislang immer nach außen gerichtet; ihn auch auf das eigene „Kollektiv" zu richten löst zuerst einmal dieses innere Sträuben aus. Er scheint nicht verträglich mit einer feministisch-parteilichen Haltung Frauen gegenüber zu sein; diesen Außenblick (Birgit Rommelspacher 1992) richten wir meist nicht auf uns selbst, und wir erwarten von Frauen zwar vieles - und nicht nur Lobenswertes -, aber auf keinen Fall, daß sie sich am Körper eines Kindes sexuell befriedigen.

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Nach KIDSCAPEs erster nationaler Tagung zum Thema sexueller Kindesmißbrauch durch Frauen richtete das TV-Magazin This Morning eine Hotline für Anruferlnnen ein, die über Mißbrauch durch Frauen reden wollten. Im Laufe eines einzigen Tages gingen mehr als 1000 Anrufe ein. Neunzig Prozent der Anrufenden hatten vor der Sendung noch nie jemandem von ihrem Mißbrauch erzählt. […]

96 Prozent jener Menschen, die so mutig waren, darüber zu sprechen, sagten, der Mißbrauch, den sie erlitten hätten, habe ihr Leben deutlich negativ beeinflußt. Das überrascht nicht. 78 Prozent der Überlebenden sagten, sie hätten niemanden gefunden, die oder der bereit gewesen wäre, ihnen zu helfen oder zu glauben. […]

Sexuellen Mißbrauch durch Frauen aufzudecken ist eine traumatische Erfahrung. Es herrscht die feste Meinung, das Thema sexueller Mißbrauch durch Frauen gehöre nicht an die Offentlichkeit, sondern sollte hinter geschlossenen Türen bearbeitet werden. Eine große englische Zeitung schrieb vor kurzem, es sei falsch, dem sexuellen Mißbrauch durch Frauen so viel Aufmerksamkeit zu widmen, und diffamierte eine Tagung zu diesem Thema als „politisch". […] Es herrscht immer noch Sorge, eine Diskussion des Themas sexueller Mißbrauch durch Frauen werde von dem weiter verbreiteten Problem des Mißbrauchs durch Männer ablenken. Mißbrauch durch Männer ist statistisch zweifellos das größere Problem. Aber das Unterdrücken der Diskussion und die Weigerung, anzuerkennen, daß es sexuellen Mißbrauch durch Frauen gibt, hindert Menschen daran, über ihren Mißbrauch zu sprechen. Sie fürchten, nicht gegen die herrschende Meinung anzukommen. Und das ist schlimm.

Wenn verschiedene Gruppen einander wegen unterschiedlicher Terminologien und aus „politischen", geschlechtsbezogenen Gründen bekämpfen, dann bedeutet das leider: Weil wir Kindern nur innerhalb einer etablierten Denkstruktur glauben wollen, wird ihr Mißbrauch weitergehen.

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Wenn die Therapeutin oder der Therapeut es unterließ, danach zu fragen, vermittelte dies manchmal implizit, daß eine solche Enthüllung auch nicht akzeptiert werden würde. Wird nicht konkret gefragt oder zur Enthüllung ermuntert, so ist es nicht ungewöhnlich, daß heranwachsende oder erwachsene Überlebende annehmen, sie hätten nicht die Erlaubnis der Therapeutin oder des Therapeuten, über sehr brisante Erfahrungen oder Erlebnisse, die sie als beschämend betrachten, zu sprechen. Aus Furcht vor einer negativen Reaktion beschließen sie oft, im Bereich der Selbstbekenntnisse kein Risiko einzugehen. Courtois (1988) führt an, weibliche Opfer könnten „zusätzlich Scham und Stigmatisierung empfinden, wenn ihre Inzesterfahrung »außerhalb der Norm« ist", d.h., wenn sie von Frauen sexuell mißbraucht worden sind (S. 68).

Daraus folgt, daß während der Therapie in regelmäßigen Abständen gefragt werden sollte: „Gibt es andere Vorfälle, an die Sie sich erinnern können, bei denen während Ihrer Kindheit jemand irgendeine Form von sexuellem Kontakt mit Ihnen hatte?" Um vielleicht hinzuzufügen: Bisher haben wir nur über sexuellen Mißbrauch durch Männer gesprochen. Hat es irgendwann eine Zeit gegeben, in der eine weibliche Person eine Form von sexuellem Kontakt mit Ihnen hatte?" Die unmittelbare Reaktion ist möglicherweise negativ, aber solches Nachforschen etabliert ein Klima, in dem die Klientin oder der Klient die Erlaubnis hat, solche Erlebnisse später zu enthüllen, wenn sie oder er dazu bereit ist.

► Michele Elliott (Hrsg.): Frauen als Täterinnen: Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen (1995)

Michele Elliott (Hrsg.)   |   Tags: inzest, täterinnen