Mario C. Salvador

Über Dissoziation

Gegen Ende meiner Therapie erkannte ich, dass ich einen großen Teil meines Leben von meinem Körper abgespalten gelebt habe, also die bewusste Wahrnehmung meines Körpers, als auch die, der einzelnen Körperteile und deren Zusammenspiel, war sehr gering. All die erlebten Stresssituationen führten dazu, dass ich oft leer oder blockiert war, innerlich und äußerlich von mir abgetrennt.

Einerseits hatte ich oft das Gefühl, mich lächerlich zu machen, vinig klein zu sein, hatte starke Ängste in alltäglichen Momenten, ohne zu wissen, was mit mir geschah oder warum. Andererseits war ich sehr selbstbewusst in Bezug auf (oder dank der) die Dinge, die ich bisher in meinem Leben erreicht hatte, und dieses Selbstbewusstsein hätte mich davor bewahren können, mich so oft so minderwertig zu fühlen.

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Die Abwesenheit einer verfügbaren, schützenden und einfühlsamen Person

Erinnern wir uns daran, dass das erste System einer Emotionsregulation bei Säugetieren die Beziehung zur Bezugsperson ist, mit der das Kind sich sicher fühlt. Wenn es nicht auf eine solche Bezugsperson zurückgreifen kann, werden andere Regulierungsalternativen in Gang gesetzt und die Hoffnung darauf, dass ein anderer Mensch kommen, es beruhigen, beschützen und begleiten kann, versiegt. Daraufhin werden Überlebensstrategien aktiviert, die mit Flucht (Verleugnung, Vergessen, Vermeidung), Kampf (Feindseligkeit, Selbstbestrafung, Selbstverachtung, Misstrauen …) oder Erstarren (emotionale Taubheit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Zusammenbruch, dem Gefühl der Hoffnungs- und Energielosigkeit) verbunden sind. Diese Überlebensstrategien, die auf automatischen und subkortikalen Reaktionen beruhen, sind im Falle einer chronischen Traumatisierung das Fundament, auf dem verschiedene Ich-Zustände oder Subsysteme der Persönlichkeit aufgebaut sind, die ein System von Denken, Emotionen, Verhaltensweisen und physiologischen Reaktionen organisieren. (Salvador 2019, Kap. 7) In beiden Fällen führen diese alternativen Selbstregulierungsmechanismen zu Misstrauen gegenüber anderen und zu einer gewissen Erwartung von Aggressionen, Vernachlässigung, Verlassenheit. Wie wir weiter unten sehen werden, versuchen die extremsten Mechanismen, die Welt der Verwundbarkeit abzuschalten oder zu unterdrücken.

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