Über Dissoziation

Gegen Ende meiner Therapie erkannte ich, dass ich einen großen Teil meines Leben von meinem Körper abgespalten gelebt habe, also die bewusste Wahrnehmung meines Körpers, als auch die, der einzelnen Körperteile und deren Zusammenspiel, war sehr gering. All die erlebten Stresssituationen führten dazu, dass ich oft leer oder blockiert war, innerlich und äußerlich von mir abgetrennt.

Einerseits hatte ich oft das Gefühl, mich lächerlich zu machen, vinig klein zu sein, hatte starke Ängste in alltäglichen Momenten, ohne zu wissen, was mit mir geschah oder warum. Andererseits war ich sehr selbstbewusst in Bezug auf (oder dank der) die Dinge, die ich bisher in meinem Leben erreicht hatte, und dieses Selbstbewusstsein hätte mich davor bewahren können, mich so oft so minderwertig zu fühlen.

Nach den ersten Therapiesitzungen, wurde mir klar, dass ich, wenn ich ich in einer Gruppe war, viel öfter in dissoziative Zustände verfiel, als mir je zuvor bewusst gewesen war. Mir war schon klar, dass ich vor und während eines Treffens mit anderen, mein Stresslevel für Angstzustände sorgte. Trotzdem war ich mir dessen nicht bewusst, wie sich diese Angst in mir entwickeln konnte. In mir herrschte eine unüberwindbare Blockade.

Bevor ich mit der Therapie angefangen hatte, schweiften meine Gedanken oft von der als gefährlich empfundenen Situation ab, ich war abgelenkt, abwesend. Mein Verstand war sich dessen nicht bewusst, was mit mir geschah, geschweige denn war ich fähig, den meisten Gesprächen um mich herum zu folgen. Ich war zu ängstlich, zu durcheinander. Aber ich habe das nicht bemerkt und konnte es erst anfangen zu betrachten, als ich die Möglichkeit hatte, mich tiefer in dieses Problem hineinzuversetzen, und zwar ganz allmählich.

Als wir mit dieser konkreten Sitzung begannen, sahen wir, was in mir vorging: Ich war so blockiert davon, beobachtet oder gesehen zu werden, und noch mehr durch die Vorstellung, an Gesprächen teilnehmen zu müssen. Wir sprachen vor allem über sehr anspruchsvolle Situationen im Zusammenhang mit meiner Arbeit und Ausbildung,aber auch, in geringerem Maße, über Ängstein meinem Privatleben.

In Kontexten, die ich als schwieriger (und daher bedrohlicher) empfand, war ich oft buchstäblich gelähmt vor Angst. Das Ausmal der Dissoziation, unter der ich litt, wurde mir noch deutlicher, als wir dieses Thema vertieften. Ich sah, dass ich wie ein verängstigtes Kaninchen war, mit Herzrasen, einem angespannten Körper und einem Gefühl der drohenden Gefahr, die mich nicht losließ. Bei all dem konnte ich kaum darauf achten, was mit mir geschah, und auch nicht darauf, worüber die um mich herum sprachen. Als ich mich damit auseinandersetzte, merkte ich, dass ich ständig ihre Gesichter musterte, auf der Suche nach Anzeichen für Gefahr, schwitzend, ängstlich und immer mit dieser enormen Angst verbunden. Ich versuchte vergeblich, die Situation in den Griff zu bekommen.

Mein Verstand interpretierte die körperlichen Anspannungen der anderen als eine große Bedrohung, daraufhin folgten Botschaften unerbittlicher Verachtung für mich. Ich konnte die verinnerlichte Stimme (Introjekt) meines Vaters in all seiner Strenge hören, genauso wie seine Blicke bei vielen Gelegenheiten bedrohlich, streng und verurteilend wirkten. Ich war mein Hauptfeind, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen. Ich fühlte mich minderwertig, als sei ich von einem anderen Stern. Ich wollte fähig sein, in der Öffentlichkeit sprechen zu können. Ständig verglich ich mich mit denen, die problemlos, selbstsicher vor anderen sprechen konnten, und machte mich auf grausame Weise runter, weil ich dazu nicht in der Lage war. Und obwohl ich erkannte, dass mich das nur verletzte, wusste ich nicht, wie ich meine innere Kritikerin stoppen konnte. Ich konnte an nichts anderes denken.

Während ich versuchte, zu verstehen, worüber die anderen sprachen, kam der Teil in mir hervor, den ich „die Richterin" nenne, der Teil, der alle möglichen Urteile über mich fillt, bis zu dem Fazit, dass ich dumm sei, etc. und dass alle anderen das auch von mir denken würden. Ich hatte das Gefühl, dass sie meine Blockaden und meine Dummheit förmlich sehen konnten.

Oft empfand ich Menschen mit Stimmungsschwankungen, Menschen, die mir launenhaft, reizbar und unberechenbar erschienen als bedrohlich. Eines der Dinge, die mir am meisten geholfen haben, dieses Unwohlsein zu verringern, war die Tatsache, dass ich in der Lage war, mich durch mein Bewusstsein von dem zu distanzieren, was mit mir geschah. Die Beobachterin in mir (mein essenzielles Selbst) sah von außen, jedes Mal ein wenig distanzierter, was in der jeweiligen bedrohlichen Situation geschah, und führte zu einem größeren Verständnis und damit einem freundlicheren Umgang mit mir selbst, einem mitfühlenderen, geduldigeren und beruhigenderen Blick.

Indem ich lernte, mir die Dinge auf eine freundlichere Weise zu sagen, konnte ich länger an den Orten bleiben, die mir Angst machten. Mir eröffneten sich neue und hoffnungsvolle Wege, mit diesen Momenten umzugehen, befreit von dem Gefühl der Einsamkeit und Gefahr.

[…]

Auf diese Weise begann ich zu lernen, wie ich bei aufkommenden Ängsten etwas von der Dynamik, dem Schwung, der Unbefangenheit und der Lockerheit einbringen konnte, die in dieser Sitzung als Ressourcen erschienen waren. Ich fing an, entspannter und humorvoller zu sein. Und zu sehen, dass ich andere Menschen zum Lachen bringen konnte, fühlte sich sehr gut an. (Wie ein Hund, der sich vor Angst schüttelt und sich dann wieder sicher fühlen kann.) Zeitgleich begannen die anderen Ressourcen in mir sich allmählich in mein Dasein zu integrieren.

► Mario C. Salvador, Peter Bourquin: Von der Dissoziation zur Integration (2025)

Mario C. Salvador, Peter Bourquin   |   Tags: trauma